Bei Stellenanzeigen verhält sich die Ausstrahlung auf den Betrachter ähnlich wie bei Menschen: die Charismatischen überzeugen. Jeder hat sie in seiner Umgebung: Menschen, zu denen wir aufblicken. Große Persönlichkeiten, die mitreißen und motivieren – die einen besonderen Eindruck hinterlassen, uns in Begeisterung versetzen und Begehren wecken. Sie heben sich aus der Masse hervor und sind erfolgreicher als andere.

Was diese Menschen richtig machen, können sich auch viele Stellenanzeigen zum Vorbild nehmen. Denn im Personalmarketing und Employer Branding geht es oft genau darum – in der Menge der Arbeitgeber ein wenig heller zu scheinen als der Rest. Nur was haben diese Persönlichkeiten an sich, dass sie so attraktiv auf uns wirken? Und wie lässt sich das auf den Jobmarkt übertragen?

 

Die Charaktere von Stellenanzeigen

Ich habe schon viele Stellenanzeigen gesehen, überarbeitet oder bei deren Erstellung mitgewirkt. Jede Stellenanzeige hat ihre eigenen Stärken und Schwächen. Es ist erstaunlich, dass manche von ihnen tatsächlich menschliche Charakterzüge anzunehmen scheinen.

Da gibt es die, die gern reden. Und mit reden meine ich: über sich selbst. Bevor der Bewerber überhaupt die für ihn relevanten Informationen erreicht, muss er sich durch dreihundertzweiundfünfzig Meter Text über Unternehmensgeschichte, -politik und -verantwortung arbeiten. Danach geht es weiter mit einer nahezu genauso umfangreichen Beschreibung der Anforderungen und Aufgaben. Sollten die Informationen im schlimmsten Fall nicht wenigstens in Abschnitte unterteilt sein, hat der Leser nicht einmal die Chance, die Anzeige auf wesentliche Inhalte zu scannen. Warum sollte sich der Bewerber die Mühe machen, sich durch so eine für ihn reizlose Stellenanzeige durchzuarbeiten, wenn die nächste Stellenanzeige nur einen Klick weiter auf ihn wartet?

Dann gibt es die Stellenanzeigen, die im Gegensatz dazu regelrecht gierig mit Informationen umgehen. Weniger ist mehr, gar keine Aussagekraft ist jedoch mal eben für die Tonne. Bleiben die Stellenbeschreibungen zu allgemein oder unklar, erschweren sie es dem Bewerber, sich ein klares Bild über seine Zukunft in der beschriebenen Position zu machen. Und jede noch so kleine Hürde gefährdet die Möglichkeit, dass es zur Bewerbung kommt. Gleichzeitig werden mit ungenauen oder interpretationsbedürftigen Aussagen eher Bewerber angelockt, die nicht der erwarteten Qualifikation entsprechen.

Natürlich gibt es auch solche Stellenanzeigen, die gerade mal so viel Ausstrahlung und Anziehungskraft haben wie ein Wischmopp. Zu ihnen gibt es nicht wirklich viel zu sagen und vergessen sind sie auch in Nullkommanichts.

Eine Stellenanzeige braucht mehr Charisma, um wirklich hervorzustechen.

 

Wie treten große Persönlichkeiten auf?

Für die Entwicklung einer wirklich eindrucksvollen Stellenanzeige lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Verhaltensweisen großer, charismatischer Persönlichkeiten zu werfen und sich an diesen ein Beispiel zu nehmen. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum diese Personen so erfolgreich sind?

Ich denke dabei daran, was Menschen in meiner eigenen Umgebung ausmacht, die eine ganz besondere Wirkung auf mich haben:

  • Sie interessieren sich für andere, nicht nur für sich selbst.
  • Sie nehmen sich Zeit.
  • In jedem Meeting, bei jeder Aufgabe sind sie präsent und fokussiert.
  • Sie haben die Fähigkeit, andere zu beeinflussen, sie zu motivieren und zu aktivieren.
  • Bei aller Professionalität sind sie authentisch und charmant.

Genau dieses Auftreten erwartet der Bewerber auch von einem Stellenangebot.

 

Was lässt sich daraus für Stellenanzeigen lernen? Die Übersetzung:

 

Sie interessieren sich für andere, nicht nur für sich selbst

Sie wissen wer ihnen gegenüber sitzt und zeigen ehrliches Interesse am Leben dieser Person.

Für Stellenanzeigen bedeutet das entsprechend: Kennen Sie Ihre Zielgruppe. Ein Bewerber erkennt schnell, wenn es nicht um ihn und seine Wünsche und Erwartungen an den Job geht, sondern lediglich um das Füllen einer Position. Um das Interesse des Bewerbers zu gewinnen, muss man dessen Position einnehmen und sich in sein Denken und Fühlen hineinversetzen. Wie wird die neue Stelle seine Probleme lösen? Wie wird sie ihm seine Wünsche erfüllen, ihm Chancen ermöglichen, ihn Ziele erreichen lassen?

Solche Stellenanzeigen, die den Bewerber aktiv einbeziehen und ihm aufzeigen, wie er sich in der neuen Position fühlen wird, können weit mehr erreichen, als jene, die die Stelle passiv aus der Unternehmensperspektive darstellen.

Beispiel für Formulierung einer Stellenanzeige aus der Zielgruppenperspektive

In diesem Beispiel einer Stellenbeschreibung von Accenture wird der Leser gezielt aus Bewerbersicht und nicht aus Unternehmenssicht angesprochen.

 

Sie nehmen sich Zeit

Sie beantworten alle (und vor allem: die richtigen) Fragen und bieten den Dialog an.

Für viele Menschen ist die Bewerbung bei einem neuen Unternehmen eine Phase der Unsicherheit und der Entscheidungen. Wer in dieser Zeit die vielen Fragen zielgerichtet beantworten kann und einen klaren Weg in die Zukunft weist, zeugt von Offenheit, Kompetenz, Struktur und Sicherheit. FAQ, ein transparenter Bewerbungs- und Onboarding-Prozess und ein Ansprechpartner sind hier nur Beispiele, um dem Bewerber demzufolge die Möglichkeit zu geben, all seine Fragen zu beantworten. An diesem Punkt geht die Stellenanzeige oft auch Hand in Hand mit einer Karriere-Website.

Wichtig ist: Es geht darum, sich als Arbeitgeber Zeit für den Bewerber zu nehmen. Nicht dem Bewerber Zeit zu nehmen.

 

Sie sind präsent und fokussiert

Sie können Dinge ausblenden, die für die Zielgruppe oder das Thema irrelevant sind und kennen deren Prioritäten.

Die Stellenbeschreibung sollte sich auf die (für den Bewerber) wichtigen Inhalte beziehen. Und nur darauf! Die richtige Balance ist entscheidend: Die Stellenanzeige muss auf den Punkt gebracht sein, aber unmissverständlich. Die Informationen sollten einfach zu verstehen sein, aber dennoch nicht auf essenzielle Angaben verzichten. Eine unklare Aufgabenbeschreibung oder ausschweifende Unternehmenshintergründe sorgen für Verwirrung und führen infolgedessen oft zu Desinteresse.

 

Sie haben die Fähigkeit, andere zu beeinflussen, sie zu motivieren und zu aktivieren

Kurz gesagt: Sie überzeugen.

Charismatische Persönlichkeiten wirken auf andere oft aktivierend. Sie lösen Begeisterung aus. Auch in Stellenanzeigen lässt sich dieser Funken transportieren. Indem der Bewerber dazu ermutigt wird, sich aktiv in den Bewerbungsprozess und seine danach folgenden Herausforderungen und Chancen im Unternehmen einzubringen, ist es ein weiteres Mal möglich, das ehrliche Interesse an ihm zu bekunden.

Dies geht weit über den klassischen Call-to-Action hinaus. Bewerber sind keine Maschinen, die auf Knopfdruck willenlos einen Befehl ausführen. Anstatt dem Bewerber nur zu sagen, was er tun soll, muss der Bewerber vor allem wissen, warum er etwas tun soll. Zeigen Sie ihm, warum er wichtig ist, was er davon hat, sich bei Ihrem Unternehmen zu bewerben. Geben Sie ihm dazu schon in der Stellenanzeige das Gefühl, sich bei Ihnen wohl zu fühlen.

 

Bei aller Professionalität sind sie authentisch und charmant

Sie sind ehrlich und zeigen Emotionen.

Charisma hat vor allem auch etwas mit Authentizität zu tun. Denn nur wer zu dem steht, was er sagt, gewinnt das Vertrauen anderer. Übertreibungen und hohle Versprechungen sind Vertrauenskiller. Es ist daher enorm wichtig, ein stimmiges Bild nach außen und innen (zu den aktuellen Beschäftigten im Unternehmen) zu geben. Wer also in seinem Unternehmen vor einer Menge Herausforderungen steht, die es noch zu lösen gilt, sollte dies nicht durch beschönigende Worte verschleiern.

Gleichzeitig begegnen charismatische Personen ihren Mitmenschen häufig positiv und charmant. Genauso sollte man auch bei der Stellenanzeige nicht nur auf den knallharten Forderer setzen. Viel eher wird man den Bewerber erreichen, indem man ihm auf eine menschliche, nahbare und warme Art und Weise begegnet. Sicherlich – von Beruf zu Beruf und von Zielgruppe zu Zielgruppe wird das Maß an „Wärme“, welches durch die Stellenanzeige kommuniziert werden sollte, variieren. Dennoch kenne ich keinen Menschen, der sich gegen ein bisschen Charme wehren kann.

Formularfeld einer Stellenanzeige bei Netflix

Netflix arbeitet bei seinen Stellenanzeigen humorvoll mit Beispieleinträgen in auszufüllenden Formularfeldern.

 

Die Schlussfolgerung

Die richtige Balance zwischen sachlicher Information und Charisma in Stellenanzeigen zu erreichen, ist nicht immer einfach. Neben den hier angesprochenen Merkmalen fließen mehrere Dinge wie Struktur, Design und Content in die Gestaltung attraktiver Stellenanzeigen ein und beeinflussen damit die positive Candidate Experience. Dabei ist es aber vor allem wichtig, sich in die Zielgruppe, den Bewerber, seine Wünsche und Bedürfnisse hineinzuversetzen. Die großen, charismatischen Persönlichkeiten machen es vor:

„Make it about them, not about you.“ – Simon Sinek