Sinus-Studie-Jung-Sein

Besser spät als nie: Wir nehmen uns die Sinus-Studie 2016 vor und schauen uns die wichtigsten Ergebnisse an. Immer vor dem Hintergrund, dass dieses Wissen auch im täglichen Personalmarketing einsatz finden sollte. Let’s play.

 

Sinus-Studie 2016: Deutschlands Jugend angepasster denn je

Rebellion ist out, Konformität in. Mit der Aufmüpfigkeit alter Tage haben die deutschen 14- bis 17-Jährigen nichts mehr am Hut. Nicht länger ist es verpönt, mit der Herde zu laufen. Was vor Jahren noch undenkbar schien, ist nun offenbar möglich: im Mainstream zu schwimmen. Zu dieser Erkenntnis gelangt jedenfalls das Heidelberger Sinus-Institut, das nach 2008 und 2012 nun bereits zum dritten Mal Deutschlands Jugendlichen auf den Zahn gefühlt hat. Und auch wenn diese stärker zusammenrücken, gibt es die Jugend freilich nicht. Die jungen Leute leben nicht nur in unterschiedlichen Lebenswelten, sondern haben namentlich ob ihrer religiösen oder kulturellen Wurzeln abweichende Ansichten.

 

Überraschende Koketterie mit der Normalität

Ihr sehnlichstes Verlangen ist es, zu sein wie die anderen. Wollten die Jugendlichen unlängst noch nicht in der grauen Masse untergehen, verständigen sie sich nun auf einen Wertekanon, der sich keinen Deut von jenem der Erwachsenen unterscheidet. In ihren Werten drückt sich der Wunsch nach Halt und Orientierung aus. Gemeinschaft und Familie stehen bei ihnen nicht weniger hoch im Kurs als emotionale und materielle Sicherheit oder wirtschaftliche Stabilität. Es gehört zu ihrem Wesen, sich anzupassen und sich durch Fleiß, Leistung und Bescheidenheit hervorzutun. Gleichzeitig wollen sie aber wie eh und je nicht auf die Selbstverwirklichung verzichten, herrlich und in Freuden leben und alle Freiheiten der Welt haben.

In Zeiten zunehmender Unsicherheit ist es scheint’s opportun, den Schulterschluss mit der älteren Generation zu suchen. Im Lichte der Tatsache, dass der Mainstream weit breiter aufgestellt ist als in der Vergangenheit, fällt es den Jugendlichen freilich um ein Bedeutendes leichter, mit den Erwachsenen handelseins zu werden. Während früher dem Sohnemann lediglich die Beastie Boys und seinem Alten Herrn die Oberkrainer ins Haus kamen, einigen sich nun beide auf Coldplay.

 

Im Kampf gegen Fundamentalismus und Institutionalisierung

Dieses Wir-Gefühl ist speziell Jugendlichen mit Migrationshintergrund wichtig. Nicht von ungefähr distanzieren sich die jungen Muslime nachdrücklich vom radikalen Islamismus. Ihre entschiedene Ablehnung religiös begründeter Gewalt ist Ausdruck ihrer gewollten Normalität. Sie möchten akzeptiert und integriert sein. Und ihr Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen. Die Religionszugehörigkeit ist für Jugendliche kein Hinderungsgrund, Freundschaften zu schließen. Lediglich die religiöse Gesinnung stellen christliche Jugendliche nicht so offen zur Schau wie muslimische. Weder gibt der Glaube ihrem Alltag das Gepräge noch sind sie über die Maßen institutionell eingebunden. Die Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft ist für christliche Jugendliche mitnichten zwingend. Außer an Feiertagen und zu besonderen Anlässen wie ihrer Firmung sind sie in der Kirche kaum anzutreffen.

 

Sinus-Studie-Lebenswelten

 

Ruf nach Entschleunigung in der digitalen Sättigung

Zur größten Selbstverständlichkeit gehört indes auch für christliche Jugendliche die Nutzung digitaler Medien. Die heute 14- bis 17-Jährigen sind in der digitalen Welt groß geworden. Sie gehen nicht online, sondern sind es. Pausenlos. Allerdings ist der Höhepunkt der digitalen Durchdringung erreicht. Die anfängliche Faszination ist verpufft, die Euphorie der Ernüchterung gewichen. Ja, bei Tage besehen wird der Ruf nach Entschleunigung laut. So gehört zum souveränen Umgang mit Smartphone & Co neuerdings nicht weniger, zu wissen, wann das Maß voll ist und die Geräte abzustellen sind. Gänzlich darauf zu verzichten kommt indes mitnichten infrage. Immerhin wollen die Jugendlichen durch Nachrichten und soziale Netzwerke mit ihren Bekannten, Verwandten und Freunden in Kontakt bleiben. Wer sich mit WhatsApp, Facebook, Instagram, Snapchat und YouTube nicht am Laufenden hält, ist weg vom Fenster, ist ein Niemand, ein Nichts. Es droht die soziale Ausgrenzung. Und die ist nicht nur Jugendlichen ein Gräuel.

Auch wenn es den Jugendlichen sichtlich schwerfällt, das Smartphone mal beiseitezulegen, bleibt der selbstkritische Umgang mit digitalen Medien nicht gänzlich auf der Strecke. Wer sich etwa nicht wenigstens vor dem Anruf schriftlich ankündigt, verstößt gegen die Etikette. Überhaupt ist die SMS dem Anruf vorzuziehen, um den lieben Zeitgenossen nicht lästig zu fallen. Was zum guten Ton gehört, scheinen die Jugendlichen mithin gelernt zu haben, indes nicht, welche Richtlinien für einen wirksamen Datenschutz gelten. Nachdem ihnen wohl bewusst ist, dass sie im Internet Spuren hinterlassen und für ihren sorglosen Datenumgang mitunter teuer bezahlen, wünschen sie sich eine entsprechende Hilfestellung. Obzwar sie sich selbst durchaus verantwortlich fühlen, sehen sie den Staat in der Pflicht. So ist es an den Lehrern, sie auf den rechten Weg zu führen. Um nichts weniger ist die Schule gefordert, für eine stärkere Einbindung der digitalen Medien in den Unterrichtsalltag zu sorgen. Ihr Gebrauch darf nicht zum notwendigen Übel verkommen, sondern hat gelebte Selbstverständlichkeit zu sein. Die technische Ausstattung allein reicht nämlich nicht. Erst mit der Nutzung der digitalen Möglichkeiten zur Entfaltung der eigenen Potenziale ist der Chancengerechtigkeit Genüge getan. Allen Unkenrufen zum Trotz liegt Jugendlichen viel daran, die Welt, wenn irgend möglich, aktiv und kreativ mitzugestalten.

 

Integration zwischen Ressentiment und kultureller Bereicherung

An der nötigen Empathie würde es den Jugendlichen nicht gebrechen. Immerhin haben sie nahezu durch die Bank vollstes Verständnis für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen. Lediglich bei einer unbedeutenden Minderheit hält sich die Begeisterung für die kulturelle Bereicherung durch den Flüchtlingszustrom in Grenzen. Ja, ob der Gefahr der Überfremdung und unerwünschten Veränderung des gewohnten Umfelds schlägt bei Jugendlichen aus der gesellschaftlichen Mitte und in bildungsfernen Lebenswelten stillschweigende Duldung rasch in ostentative Abneigung um. Die Fremdenfeindlichkeit gibt den Ton an, auch wenn sie größtenteils weniger Ausdruck persönlicher Überzeugung ist als vielmehr auf typischen Klischees und Vorurteilen beruht.

 

Umweltbewusstsein ohne rechtes Verständnis für den Klimawandel

Umweltschutz ist durchaus ein Thema, ja wird ausnahmslos bei den Jugendlichen großgeschrieben. Umso unbegreiflicher ist ihr mangelndes Verständnis für den Klimawandel. Er ist für sie nicht greifbar, ein Buch mit sieben Siegeln sozusagen, kurzum etwas, was jenseits ihrer Vorstellungsmöglichkeiten liegt.

Gerne würden sie ja was tun, allein es fehlt ihnen an der Zeit und am Glauben, etwas bewirken zu können. Ergo versuchen sie gar nicht, sich aktiv für den Umweltschutz zu engagieren. Allenfalls sind sie für den kritischen Konsum zu haben. Auch wenn die wenigsten mit dem Begriff was anzufangen wissen, weicht bei entsprechender Aufklärung die anfängliche Ratlosigkeit umgehend der vorbehaltlosen Zustimmung. Zwar sprechen sie sich gegen die unmenschlichen Produktionsbedingungen in der Mode ebenso wie gegen die Massentierhaltung aus, der Kauf von Fair-Trade-Produkten ist für sie aus budgetären Gründen jedoch höchstens im Lebensmittelhandel drin.

 

Lebensziele im Einklang mit den Lebenswelten

Sich den aktuellen Erfordernissen am besten anzupassen scheinen die Adaptiv-Pragmatischen. Jugendliche dieses Schlages zeichnet eine hohe Kompromissbereitschaft aus. Sie orientieren sich am Machbaren. Für die Leistungsunwilligen haben sie hingegen nichts übrig. Im Unterschied zu ihnen greifen die Adaptiv-Pragmatischen nämlich nach den Sternen. Sie haben Ziele, die sie konsequent verfolgen. Nichts geht ihnen mehr wider den Strich, als dem Staat irgendwann auf der Tasche zu liegen. Den übertriebenen Luxus braucht’s nicht, der ansehnliche Wohlstand ist indes ein Muss.

Am anderen Ende dieses Spektrums stehen offenbar die Prekären, jene Jugendlichen, die aus schwierigen Verhältnissen stammen und von daher um gesellschaftliche Akzeptanz nachdrücklich ringen. Zwar bemühen sie sich redlich um die Verbesserung ihrer Situation, die Versagensangst sitzt ihnen gleichwohl unentwegt im Nacken. Mit dem Lifestyle haben sie nichts am Hut, dafür wird die Familie idealisiert. Die Gesellschaft finden sie unfair und ungerecht, überhaupt sind sie der Meinung, dass sich Leistung nicht lohnt.

 

jugendliche-beispiel

 

Diese Ansicht teilen die Expeditiven ganz und gar nicht. Jugendliche dieser Prägung sind überaus wissbegierig, ständig auf der Suche nach was Neuem. Weiterkommen ist ihre Devise. Dementsprechend zielstrebig und ehrgeizig sind sie. Sie wollen die Selbstverwirklichung nicht weniger als die Selbstständigkeit, ohne auf den Spaß im Leben verzichten zu müssen.

Mit den Expeditiven haben die experimentalistischen Hedonisten viel gemein. Auch sie wünschen die ungehinderte Selbstentfaltung und nicht in der zermürbenden Alltagsroutine zu enden. Entsprechend anfällig sind sie für die Provokation. Mit der Tradition zu brechen und Grenzen zu überschreiten ist allerdings das Schlechteste beileibe nicht. Namentlich wenn mit der Andersartigkeit die Kreativität erwacht. Die Menschheit lebt schließlich von bahnbrechenden Ideen.

Das Leben in vollen Zügen genießen möchten auch die materialistischen Hedonisten, bloß ist ihr Bedürfnis nach Abgrenzung höchst eingeschränkt. Im Gegenteil. Sie sind um Harmonie und Zusammenhalt bemüht. Ungeachtet ihrer Ablehnung von Kontrolle und Autorität. Sie shoppen gern, feiern Partys, machen regelmäßig Urlaub. Und sie legen größten Wert auf Markenware.

Die Prioritäten der Sozialökologischen liegen dagegen auf Demokratie, Gerechtigkeit, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Naturgemäß sind sie altruistisch veranlagt, können ab und an ob ihrer Aufdringlichkeit aber auch gehörig nerven. Nicht jeder ist bereit und willens, sich von der sendungsbewussten Truppe umpolen zu lassen. Speziell bei den materialistischen Hedonisten dürften die sozialökologischen Jugendlichen auf wenig Gegenliebe stoßen, nachdem sie massiv Kritik an der Überflussgesellschaft üben.

Ein wenig mehr Farbe im Leben würde den konservativ-bürgerlichen Jugendlichen unter Garantie nicht schaden. Sie definieren sich nicht über Äußerlichkeiten, haben kein Interesse an der Selbstentfaltung, stellen nichts und niemanden infrage. Ihr Hang zur Unauffälligkeit ist geradezu erschreckend. Löblich indes ist ihre Wertschätzung der Ehe. Die Familie geht ihnen über alles.

 

Beziehung und Familie in Fehde mit der Selbstverwirklichung

Sich binden wollen die prekären Jugendlichen auch. Je früher, desto besser gar. Im Unterschied zu ihnen vertagen die adaptiv-pragmatischen Jugendlichen die Familiengründung lieber. Ohne berufliche Sicherheit ist für sie an ein Privatleben nicht zu denken. Die Expeditiven sind hingegen im Zweifel, ob sie überhaupt je für eine langfristige Beziehung und eine Familienplanung taugen. Speziell die Mädchen aus ihren Reihen halten Kinder mit beruflicher Selbstverwirklichung unvereinbar.

 

Berufliche Mobilität lediglich in Ausnahmefällen

Überhaupt scheint die Familie ein Problemkind zu sein. Wer sich für die Familie entscheidet, hat nach Auffassung der Jugendlichen sesshaft zu werden und für Kontinuität zu sorgen. Auf Auslandserfahrungen ist von daher zu verzichten, geschweige denn, dass längere Abwesenheiten von der Familie toleriert würden. Am ehesten sind noch die Expeditiven und die experimentalistischen Hedonisten für einen berufsbedingten Wechsel zwischen In- und Ausland zu begeistern.

 

Mehr psychologische als statistische Relevanz

Um zu diesen bahnbrechenden Erkenntnissen zu kommen, wurden 72 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren in zweistündigen Einzelinterviews nach ihren Wert- und Zukunftsvorstellungen befragt. Von daher ist die Studie weniger statistisch als vielmehr psychologisch repräsentativ. Allerdings stimmen die Ergebnisse der Sinus-Studie weitgehend mit jenen der im Oktober 2015 veröffentlichten 17. Shell-Jugendstudie überein. Und ihr kann angesichts der rund 2500 befragten Jugendlichen die statistische Repräsentativität nicht in Abrede gestellt werden.