Zu faul, zu anspruchsvoll, zu Smartphone-süchtig? Ständig wird eine ganze Generation in Sippenhaft genommen – egal ob X, Y oder Z. Wer sich ernsthaft mit Zielgruppen auseinandersetzt, sollte die Finger von zu großen Schubladen lassen.

Ich höre und lese es immer wieder: Die Generation Y denkt nur an sich und hat keine Lust auf Arbeit. Die Generation Z versteht das Internet, wie keine andere Generation. Die Gen X wird in diversen Aufzählungen immer vergessen, weiß aber wie man einen Kassettenrecorder benutzt. Die Babyboomer leben nur um zu arbeiten. Und. So. Weiter.

Generation eine zu große Schublade

Das alles sind Schubladen, Stereotypen. Koordinatensysteme, die es uns leicht machen, viele Menschen schnell und einfach zu beurteilen. Ich gehöre (offenbar) zu den Millenials. Jahrgang 91 (Ja wirklich, ich bin nach dem Mauerfall geboren). Trotzdem habe ich Schwierigkeiten mit Snapchat umzugehen. Ich schätze einen frühen Feierabend am Freitag und ich arbeite (auch), um Karriere zu machen. Für ein großes Gehalt würde ich nicht meine Seele verkaufen, aber ich sehe ein, dass wir nicht alle bei Greenpeace arbeiten können (oder wollen). Ich lebe in Berlin und habe lange Haare, aber ich finde es albern einen Kaffee „Flat White“ zu nennen. Wie differenziert müssen dann erst Milliarden Menschen einer ganzen Generation sein?

Ich gestehe der Generationenforschung absolut zu, dass es Makrotrends gibt. Das hat die aktuelle Shell Jugendstudie 2019 gerade mal wieder gezeigt: Auch wenn allen Krisen zum Trotz 58 % der Befragten zuversichtlich in die Zukunft schauen, ist der wichtigste Faktor im Berufsleben „ein sicherer Arbeitsplatz“. Es erscheint schlüssig, dass die Vertreter der Generation Z eher ein höheres Sicherheitsbedürfnis haben, da sie in Zeiten von Finanzkrise, Eurokrise, Klimakrise, Brexit und so weiter aufgewachsen sind. Dennoch dürften viele Menschen gerade ziemlich überrascht sein, dass eine Generation, die vor kurzem noch als desinteressiert und Smartphone-süchtig beschrieben wurde, ganz analog jeden Freitag auf die Straße geht.

Ist Gen Y gleich Gen Y?

Von meiner Generation wird oft gesagt, wir würden uns nicht auf einen Arbeitgeber festlegen wollen, uns mache es nichts aus befristet zu arbeiten. Gleichzeitig kenne ich unheimlich viele Leute, die sich von befristetem Job zu befristetem Job hangeln und sich nichts sehnlicher wünschen, als einen unbefristeten Tarifvertrag.

Trotzdem weiß ich, dass es auch Menschen gibt, die sich den Job aussuchen können. Für einen IT-Spezialisten ist der Jobverlust kein Risiko, ebenso wenig für den Tiefbauingenieur. Diverse Unternehmen reißen sich die Beine aus, um sie zu rekrutieren.

Also: Hilft mir die Generationen-Schublade bei der Suche nach geeigneten Kandidaten auf dem Arbeitsmarkt?

Was ich sagen möchte ist Folgendes: Eine Generation ist keine Zielgruppe.

Auch wenn es Trends und Tendenzen gibt, etwas mehr Mühe müssen wir uns im Personalmarketing schon geben. Ein digitalaffiner Mittzwanziger fühlt sich vielleicht mit Snapchat wohler, als eine 18-Jährige, die ihr Handy nur für WhatsApp nutzt. Eine Software-Architektin stellt andere Ansprüche an die Ausstattung beim Arbeitgeber mit Bällebad und Bürohund, als ein Geisteswissenschaftler, der froh ist in einem fachfremden Bereich endlich Arbeit gefunden zu haben.

We have to go deeper!

Es ist schon komisch: Da gibt uns die Technik allerhand Werkzeuge in die Hand, um zielgruppengenaues Mikrotargeting auszusteuern. Über Soziale Netzwerke kann ich literaturinteressierte Programmierer, die sich für Bollywood und Tierfutter begeistern passgenau ansprechen. Stattdessen sagen sich viele Firmen: „Ach wir sprechen die 14- bis 29-Jährigen an!“ Als sprächen wir hier von Samstagabendfernsehen in den 90er Jahren. Klar, dass sie dann enttäuscht sind, wenn das Social Media Marketing nicht die Erwartungen erfüllt.

Also liebe Unternehmer, Personaler und Marketeers da draußen: Macht es euch nicht zu einfach. Schubladen und Stereotypen haben ihren Platz in der Welt. Aber eine Generation ist eine verflucht große Schublade.